E-Identity-Lösungen in Europa

tania christine.theinschnack.uni-linz, 19. November 2019, 16:30

Seit einigen Jahren ist ein globaler Wandel im Bereich des elektronischen Identitätsmanagements erkennbar. Dies liegt vor allem an der zunehmenden Vielfalt und Präsenz von Online-Diensten, die den Bedarf von eindeutigen, sicheren und vertrauenswürdigen Identitäten verstärken. Die Identifizierung einer Person, dessen Bekundung ihres Willens für die Nutzung von Online-Transaktionen und vor allem die Stärkung sicherer und vertrauenswürdiger Interaktionen, spielen, insbesondere durch die Zunahme der Abwicklung von behördlichen Angelegenheiten über das Internet, auch im Bereich der öffentlichen Verwaltung (E-Government) eine immer wichtigere Rolle. Diesbezüglich und im Hinblick auf die mit 17. September 2014 in Kraft getretene eIDAS-Verordnung des Europäischen Parlaments und des Rates rücken neben staatlichen e-Identity-Lösungen auch "zunehmend privatwirtschaftliche Lösungen in das Sichtfeld einer breiten Öffentlichkeit, die nicht zwingend die Rolle eines nationalen e-Identity-Schemes1 übernehmen wollen."

E-ID - AKTUELLER STATUS IN EUROPA

Um einen Überblick zu geben, welche Länder in Europa besonders erfolgreich bei der Etablierung eines e-Identity-Ökosystems agieren bzw. in welchen Staaten e-IDs verstärkt zum Einsatz kommen, wird hier nachfolgend die Anfang des Jahres 2018 veröffentlichte Studie von Andrea Müller und Dr. Andreas Windisch vorgestellt, die aufgrund den Ergebnissen einer von ihnen vorangegangenen Untersuchung zu diesem Thema im Vergleich mit der im Jahr 2015 erstellten Studie eines holländischen auf den Bereich e-Government fokussierten Beratungsunternehmens über die e-Identity-Verfahren in ausgewählten Ländern der EU, durchgeführt wurde.

UNTERSUCHUNGSGEGENSTAND UND ERGEBNISSE DER STUDIE

Für die Darstellung der e-Identity-Landschaft in Europa wurden in Summe 30 Länder herangezogen; die EU-Mitgliedstaaten sowie Norwegen und die Schweiz. In diesen wurden untersucht, welche e-Identity-Mittel2 existieren, welche Funktionalitäten diese umschließen und, ob es sich hierbei um staatliche, privatwirtschaftliche oder partnerschaftlich orientierte Modelle handelt. Die Unterscheidung zwischen staatlichen, privatwirtschaftlichen und partnerschaftlichen Modellen bezieht sich darauf, wer die Verantwortung für die Erstellung, die Implementierung sowie die Pflege hat und wem die direkte Kontrolle obliegt.

Das Ergebnis der Studie zeigt, dass mittlerweile alle untersuchten Länder der Europäischen Union digital nutzbare ID-Mittel zur Verfügung stellen oder dies zumindest kurzfristig angekündigt haben. Insgesamt wurden hier 94 unterschiedliche e-Identity-Lösungen identifizieren. In Summe handelt es sich hierbei um:

  • 46 staatliche e-Identity-Lösungen, die überwiegend auf den jeweils staatlich ausgegebenen Identifikationsmitteln basieren. In der Regel handelt es sich hierbei um die nationalen digitalisierten Personalausweise, wobei jedoch auch einige dieser Lösungen die Möglichkeit aufweisen, Identifikationen für weniger sicherheitsrelevante Anwendungsfälle ohne Personalausweis durchzuführen.
  • 43 privatwirtschaftliche Initiativen bzw. Lösungen, welche teilweise auch für höherwertige Identifizierungen zusätzlich staatliche Identifizierungssysteme integrieren und
  • 5 öffentlich-private Partnerschaften, bei denen staatliche und privatwirtschaftliche Parteien eine gemeinsame Lösung offerieren.

Nutzung staatlicher und/oder privatwirtschaftlicher e-IdentityMittel

Weiters wurde anhand des zeitlichen Vergleichs zu der vorangegangenen Studie festgestellt, dass in einem Großteil der untersuchten Länder zunehmend privatwirtschaftliche Identifikationsmittel zur Verfügung stehen und insbesondere durch Vertreter aus dem Bankensektor stark vorangetrieben werden. In Deutschland, Finnland und Holland sind auf nationaler Ebene zudem Lösungen öffentlich-privater Partnerschaften zu finden.

Gesellschaftlich bereits stark verbreitet in der Anwendung und im Vergleich zu allen untersuchten Ländern gut sortiert, wirkt das Thema e-Identity in Dänemark, Finnland, Norwegen und Schweden, die bereits vor einigen Jahren die e-ID-Fähigkeit ihrer nationalen Identifikationsmittel ausgebaut oder alternative Angebote ausgearbeitet haben. Neben staatlichen e-Identity-Lösungen wie in Dänemark die NEM ID, in Finnland die FINeID und in Norwegen die MinID, welche seit vielen Jahren standardmäßig an Bürgerinnen und Bürger ausgegeben werden, haben sich in diesen Ländern ebenso privatwirtschaftliche Lösungen etabliert, wie beispielsweise im Bankensektor das Authentifizierungssystem TUPAS vom finnischen Bankenverband FFI oder die e-Identity-Lösungen bankID in Norwegen und BankID in Schweden. Zusätzlich, je nach Verbreitung der zur Verfügung stehenden e-Identity-Mittel, stehen Föderierungslösungen zur Verfügung, wie beispielsweise ID-porten in Norwegen, die die Interoperabilität aller verfügbaren e-Identity-Lösungen sicherstellen und nahezu für alle behördlichen sowie wirtschaftlichen Belange nutzbar sind. Erwähnenswert in diesem Zusammenhang ist ebenfalls, dass in Dänemark die Bürgerinnen und Bürger bereits seit 2012 gesetzlich verpflichtet sind, die behördliche Kommunikation ausschließlich digital abzuwickeln. Dementsprechend liegt hier eine Nutzungsbreite von nahezu 100 % vor.

Nähere Einblicke über die Entwicklungen und den derzeitig verfügbaren Identifizierungssystemen zeigt die Studie zu den Ländern Deutschland, Österreich und Schweiz.

E-IDENTITY IN DEUTSCHLAND

Mit der Herausgabe von scheckkartengroßen und mit RFID-Chip ausgestatteten Personalausweisen startete Deutschland im Jahr 2010 mit der Etablierung eines staatlichen e-Identity-Schemes, dessen Hard- und Software für die elektronische Identifizierung im Netz von verschiedenen Unternehmen bereitgestellt wird. Obwohl hier dem Staat die Kontrollfunktion obliegt und des Weiteren durch den Aufsatz auf den Personalausweis eine hohe Verbreitung des e-ID-Mittels vorliegt, bleibt die Nutzung dieser hinter den Erwartungen zurück. Als mögliche Ursachen werden die überschaubaren Einsatzmöglichkeiten, die fehlenden Anreize zur Nutzung und die bis 2017 für Bürger optionale Aktivierung der Online-Ausweisfunktion, genannt. Neben dieser staatlichen e-Identity-Lösung stehen ebenfalls einige privatwirtschaftliche Lösungen zur Verfügung, wie beispielsweise PostID, IdentityTM Giro, Giropay-ID, Helix Alpha, Idento.One, Login-Allianz DEA, Smart Wallet, DATEV SmartLogin, Verimi und YES.

Produkt Anbieter Ownership Funktionsumfang
Deutscher e-Identity-Scheme (auf Basis nPA) Deutschland Staatlich I A - - S
Giropay-ID Giropay GmbH Privat - A - - -
Helix Alpha (Release Alpha) Blockchain Helix Privat I A D - -
IdentityTM Giro Identity Trust Management AG Privat I - - - -
Idento.One (in Entwicklung) Orbiter GmbH Privat - A D - -
Login-Allianz DEA (in Entwicklung) United Internet AG (Schirmherr) Privat - A D T -
PostID Deutsche Post AG Privat I - - - -
SmartWallet, SmartLogin (in Entwicklung) Jolocom GmbH Privat I A D - -
Verimi (in Entwicklung) Verimi GmbH Privat I A D - -
YES (in Entwicklung) YES Europe GmbH Privat I A D - S

e-Identity-Initiativen und -Systeme in Deutschland / Stand Januar
2018

E-IDENTITY IN ÖSTERREICH

Österreich hat bereits im Jahr 2003 zur Nutzung einzelner e-Government-Anwendungsfälle die Bürgerkarte eingeführt. Seitdem wurden die Einsatzmöglichkeiten der Karte schrittweise ausgebaut und kann mittlerweile, in Kombination mit der Handy-Signatur und App von A-Trust, für diverse Dienste und Services genutzt werden. Die mobile Lösung der Bürgerkarte ist aktuell die verbreitetste Form der e-ID in Österreich. Ebenfalls seit mehreren Jahren erfolgreich am Markt vertreten, ist die von österreichischen Banken gemeinsam mit dem Zahlungsverkehrsdienstleister STUZZA entwickelte e-Identifikation. Relativ neu ist hingegen die mobile ID-Lösung MIA, die zum Zeitpunkt der Studie noch in der Entwicklungsphase stand und nun seit 2019 im Einsatz ist.

Produkt Anbieter Ownership Funktionsumfang
Bürgerkarte Österreich Staatlich I A - - S
e-Identifikation STUZZA GmbHPrivat - A - - -
Handy-Signatur und AppA-Trust GmbH Privat I A - - S
MIA (vor Markteinrtitt) Österreichische Staatsdruckerei GmbH Privat I A D - -

e-Identity-Initiativen und -Systeme in Österreich / Stand Januar
2018

E-IDENTITY IN DER SCHWEIZ

Im Rahmen einer öffentlich-privaten Partnerschaft platzierte die Schweiz bereits im Jahr 2010 mit der SuisseID frühzeitig einen eigenen Lösungsentwurf, der sich jedoch auf dem Markt nicht durchsetzen konnte. Gründe des Scheiterns, waren unter anderem in den hohen Initialkosten, in der wenig zeitgemäßen technischen Realisierung mit USB-Stick bzw. Smartcard und Reader und in den geringen Nutzungsmöglichkeiten, zu sehen. Als Nachfolgeprodukt der SuisseID wurde im Mai 2017 die SwissID lanciert. Zu ihrer Schaffung und Umsetzung als einheitliche digitale Identität gründeten neun Konzerne aus unterschiedlichen Geschäftsbereichen als Trägergesellschaft die SwissSign Group AG. Auf lokaler Ebene haben zwei Schweizer Gemeinden bereits eigene Identifizierungssysteme auf Blockchain-Basis bereitgestellt. Die Stadt Zug bietet seit Herbst 2017 mit eID-Zug eine Ethereum-Blockchain-basierte Lösung an. Die ID-Daten liegen hier im digitalen Schließfach auf der App des Nutzers, die Stadt überprüft und bestätigt lediglich die Identität der Person, zu dessen Überprüfung sich der Nutzer einmal persönlich im Stadthaus ausweisen muss. Der Kanton Schaffhausen hat ebenfalls die Blockchain-basierte Lösung eID+ des E-ID-Herausgeber Procivis, nach einer viermonatigen Pilotphase, offiziell seit Mitte des letzten Jahres eingeführt. eID+ soll zukünftig auch im privatwirtschaftlichen Umfeld als elektronisches Identifikationsmittel zum Einsatz kommen.

Produkt Anbieter Ownership Funktionsumfang
eID Zug Zug, basierend auf Consensys uPort Staatlich I A D - -
Schaffhauser eID+ Schaffhausen, basierend auf Procivis eID+ Staatlich I A D - -
SwissID SwissSign AG Privat I A D - S

e-Identity-Initiativen und -Systeme in der Schweiz / Stand Januar
2018

FAZIT

Der Austausch von sensiblen und schützenswerten Daten über elektronische Netzwerke ist in den letzten Jahren stark angestiegen, wodurch das Thema Identitätsmanagement eine hohe Bedeutung gewonnen hat. Dies zeigt auch die hier vorgestellte Studie, die einen Einblick in die e-Identity-Landschaft europäischer Länder gibt und zugleich erkennbar macht, dass auch noch in den nächsten Jahren zahlreiche neue Entwicklungen auf uns zukommen werden. Somit wird im Hinblick auf die Anzahl der zum Zeitpunkt der Studie erfassten Identifizierungssystemen, abzuwarten sein, ob hier mit der zunehmenden Digitalisierung und der ständigen Weiterentwicklung von Softwarelösungen ein weiterer Anstieg verbunden sein wird, oder womöglich viele der derzeit eingesetzten e-ID-Lösungen von neuen innovativen Systemen verdrängt werden.

QUELLE

Müller, A. & Windisch, A. (2018). E-Identity-Lösungen in Europa, unter: https://asquared.company/public/asquared-blog_post_de_2018-02-13_e-identity-loesungen-in-europa_v1.pdf (abgerufen am 06.11.2019)

1e-Identity-Scheme: Gesamtheit der Regeln und der technischen Standards für die Ausführung von ID-Funktionen unter Verwendung der zugrundeliegenden ID-Systeme.
2e-Identity-Mittel: Materielle und/oder immaterielle Einheit, die Personenidentifizierungsdaten enthält und zur Authentifizierung bei Online-Diensten verwendet wird.

I - Identifikation
A - Authentifikation
D - Datenübergaben
T - Daten-Tracking
S - QES

1 comment :: Kommentieren

eID-Effizienzgewinne durch EU-weite Verpflichtung

anica.nacova.uni-linz, 24. November 2019, 22:27

Interessant wäre es hier noch gewesen, wenn die Studie dargestellt hätte, inwieweit einheitliche Lösungen durch die EU vorangetrieben werden und ob eine Verpflichtung der eID-Nutzung angestrebt wird. Die eID würde wahrscheinlich bei einer verpflichtenden, EU-weiten Einführung ein enormes Kostenersparnispotential erzielen. Der Effizienzgewinn würde in Form von einer Zeitersparnis bei bürokratischen Tätigkeiten und der Verschmälerung des staatlichen Verwaltungsapparates auftreten.

Verlinken :: Kommentieren


To prevent spam abuse referrers and backlinks are displayed using client-side JavaScript code. Thus, you should enable the option to execute JavaScript code in your browser. Otherwise you will only see this information.