Aktuelle Beitraege Krise im Umfeld der Tagespresse - Fiktion oder Wirklichkeit?

dieter.boehm.uni-linz, 25. Mai 2014, 13:30

Gibt es wirklich die Krise im Umfeld der Tageszeitungen oder ist das nur eine marketingtechnischer Finesse der Verantwortlichen, um "sich" wieder ins Gespräch zu bringen und Fördergeld zu lukrieren? Der nachfolgende Blog-Eintrag versucht nun, anhand der Aussagen von Daniel Drepper und Jeff Jarvis das Thema zu beleuchten und Meinungen von KollegInnen zu nutzen, um auch eigene Meinungen zu untermauern.

 

Beginnen möchte ich mit den essentiellen Aussage von Daniel Drepper, der dies im Artikel "Eins für alle!" im Spiegel Online publiziert hat [Q1].

(Hinweis: die nachfolgenden Aussagen wurden von mir etwas provokant formuliert)

  

Aussage 1: Regionalmedien werden über kurz oder lang vom Markt verdrängt oder doch nicht?

Hintergrund dieser Aussage ist, dass regionale Medien auf der einen Seite Nutzer verlieren, weil - trotz der hohen Hemmschwelle der Nutzer, dem Medium den Rücken zu kehren - das Klientel langfristig ausstirbt und auf der anderen Seite durch fehlende "Innovationen" keine neue Nutzerschichten anzusprechen. Als Innovationen werden hier gut recherchierte Beiträge sowie interessante Konzepte der Kommunikation angeführt. Ursache ist sicherlich, dass lokale und regionale Zeitungen (und den dahinter stehenden Verlage) die Kosten aufgrund des gestiegenen Wettbewerbs (auch anhand des Mediums Internet) nicht abdecken können und somit Abstriche hinsichtlich der Qualität der Artikel in Kauf nehmen müssen. 

Gibt es hierfür keine Lösungsmöglichkeiten? Ja, die Gründung und Nutzung von überregionalen Recherchebüros, die Informationen für regionale Medien (tlw. kostenlos) zur Verfügung stellen.

Meiner Meinung nach ist das nur ein Teil einer möglichen Lösung zur Rettung regionaler Medien, weil es subjekt betrachtet kein wirkliches Interesse eines überregionalen Recherchebüros gibt, lokale Informationen zu sammeln, die dann nur von sehr wenigen Medien genutzt werden würden. Ich denke da an Informationen die in den Tipps [Q2] oder ähnlichen Medien publiziert werden. Die Wiederverwendung ist hier räumlich sehr beschränkt.

 

Aussage 2: Journalismus ohne Rendite

Hohe Renditen lassen sich - so die Aussage von Drepper - nicht mehr mit journalistischer Qualität verdienen. Warum ist das so? Meiner subjektiven Einschätzung zufolge einerseits aufgrund des steigenden Wettbewerbs aber andererseits ist auch die digitale Kommunikation "schuld" an diesem Trend. Durch digitale Medien lassen sich Informationen schnell und einfach publizieren und ortsunabhängig konsumieren wodurch eine Verbreitung für ein großes Publikum simplifiziert wird.

Die Aussage von Hr. Drepper kann ich inhaltlich nur teilen: wirklicher qualitativ hochwertiger Journalismus ist leider nur mehr selten "gefragt" oder anders formuliert die Schwelle, Geld für Informationen zu bezahlen sind. Dies wird auch durch die Verfügbarkeit  von (populistischeren) Informationen im Internet oder durch Gratis-Zeitungen unterstützt.

 

Aussage 3: Gemeinnützigkeit - der "Retter" der Lokalmedien

Muss Journalismus wirklich Erträge erzielen oder ist die Gemeinnützigkeit nicht auch eine Möglichkeit, gestiegenen Wettbewerb und Kostendruck zu begegnen? Die USA zeigt vor, dass dieser Ansatz einen möglicher Lösungsweg darstellt; große Magazine wie "National Geographic" oder auch Nachrichtendienste wie "AP" aggieren als gemeinnütziges Unternehmen. Doch in Deutschland, so der Bericht, gibt es hier Schwierigkeiten, da Paragraph 52 der deutschen Abgabenordnung Gemeinnützigkeit für Journalismus nicht wirklich unterstützt.

In Österreich gibt es bereits den Trend, Verlage durch (komplizierte) Firmengeflechte auch in gemeinnützige Stiftungen umzuwandeln und somit steuerschonender zu aggieren [Q3]. Dadurch entgegehen dem Staat wiederum Einnahmen, die durch eine höhere Presseförderung ansonsten wieder investiert werden müssen, um eine Medien- und Meinungsvielfalt auch wirklich erhalten zu können. Somit ist das Ganze (subjektiv) ein Nullsummenspiel.

 

Aussage 4: Journalismus muss sich die Bezahlung "verdienen"

Eine für mich sehr interessante Aussage im Bericht lautet: "Journalismus darf nicht auf Spenden angewiesen sein, er muss sich selbst tragen." Was heisst das nun - sollen journalistische Arbeiten "gratis" sein? Drepper führt an, dass Menschen grundsätzlich bereit sind, für interesssante Informationen auch freiwillig zu bezahlen. Gezeigt hat dies auch der  "Versuch" von Amanda Palmer, ihre eigene Musik via Spenden erfolgreich zu vertreiben. Somit ist es lediglich eine andere Sichtweise auf die Thematik: Menschen müssen verstehen, WARUM die journalistische Arbeit finanziell auch durch jeden einzelnen (Leser/Nutzer) unterstützt werden soll.

Das Ganze finde ich eine überaus interessante Vorgehensweise, quasi eine Verlagerung Richtung "Angebot" und "Nachfrage" - wer an qualitativ hochwertigen Informationen Interesse hat kann diese nutzen und den für ihn angemessenen Betrag investieren. Interessant wäre hier auch ein Modell wie im Musikhandel mittlerweile Standard: dem "Kauf" von einzelnen Artikeln, die eine(n) LeserIn interessieren (mp3 vs. gesamtes Album).

 

Ergänzen möchte ich die Aussagen und deren Bedeutung mit denen von Jeff Jarvis, der in seinem Artikel "Journalisten sind Dienstleister, keine Monopolisten" versucht, die neue Rolle von Journalisten und deren künftiges Aufgabenprofil zu erklären [Q4].

 

Aussage 1: Journalisten - die Wächter der Informationen

Lt. Jeff Jarvis hatten Journalisten seit Erfindung des Buchdrucks die Aufgabe, Wächter über Nachrichten und deren Veröffentlichung und somit den Zugang für die Allgemeinheit zu sein. Nachrichten wurden, gepaart mit Unterhaltung, Sport und Livestyle, an den Mann/die Frau gebracht und Einnahme durch Oligopolstellungen im Anzeigensektor kontrollier- und kalkulierbar erzielt. Was wurde aus der journalistischen Aufgabe, Öffentlichkeit zu verbinden und Meinungen zu unterstützen und Unwahrheiten aufzuzeigen?

Diese Aussage lässt sich meiner Meinung nach sehr gut mit der Aussage 2 von Drepper verknüpfen; hat ein Journalist nur die Aufgabe, Profit zu erwirtschaften durch Vorselektion und damit Meinungsbildungsgestaltung in der Öffentlichkeit oder ist es auch Aufgabe des unabhängigen Journalismus, Blickwinkel zu erweitern und Meinungen zu diskutieren, auch ohne permanente Ausrichtung auf Gewinnmaximierung? Subjektiv würde ich eher die erste Aussage unterstützen, die Aufgabe des Journalismus, Sichtweisen zu öffnen und objektive Meinungsbildung zu unterstützen auf finanziell gesunder Basis. Somit ist die Profitausrichtung nicht das Hauptziel des Journalismus, warum ich der Meinung von Drepper hier teile!

 

Aussage 2: Objektivierung der Aussagen durch die Öffentlichkeit

Diese Aussage zielt in Richtung "Contentlieferung" durch die Bevölkerung mittels sozialer Medien und der Aufgabe der Journalisten, diese zu vernetzen und Mehrwert zu generieren sowie Quellen für Aussagen aufzustöbern und Falschmeldungen zu entlarven. Somit ändert sich das Aufgabengebiet in Richtung "Verknüpfer" von Informationen einzelner Individuen.

Subjektiv kann diese Aussage mit der Aussage 4 von Drepper verknüpft werden. Objektivierungsarbeit zeigt für den/die BürgerIn den Mehrwert auf und kann somit als künftige Einnahmequelle genutzt werden. Interessierte BürgerInnen nutzen die Möglichkeit, sich umfassender mit "richtigen" Informationen zu versorgen, recherchierte Hintergründe in deren Meinungsbildung zu integrieren und auch so wiederum Input in Themen für andere zu liefern. Wissen ist Macht - recherchiertes und qualitativ hochwertiges verknüpftes Wissen ist Trumpf!

 

Aussage 3: neue Geschäftsmodelle: Google und Co als Helfer für Absatzzahlen

"Google bietet Relevanz und erkennt Werte, weil Google weiß, wonach jeder von uns sucht, wo wir uns aufhalten und was wir wollen" [Q4]. BürgerInnen erzeugen ständig Content, sei es in sozialen Medien, in eigenen Blogs, in Kommentaren von Online-Zeitungen usw. Ziel der neuen Geschäftsmodelle muss es nun sein, diese unendliche Quelle an (lokalen) Informationen zu bündeln, zu vernetzen und auf Plattformen entsprechend zur Verfügung zustellen, um sie einer breiten Masse nutzbar zu machen. Auch soll Paper nicht immer als DAS Medium für Informationsvermittlung verstanden werden, gerade im Zeitalter der mobilen und digitalen Kommunikation (persönliche Anmerkung: was ja auch dieser Blog zeigt).

Diese Feststellung lässt sich meiner Meinung nach sehr gut mit Dreppers erster Aussage kombinieren; lokale Printmedien (speziell im Online-Bereich) können überleben, wenn sie die Möglichkeiten nutzen, die sich durch die digitalen Chancen ergeben, für sie interessanten Content zumindest kostendeckend zu nutzen und somit auch - wie bisher - Reginalität im globalen Zeitalter helfen zu leben. Die im Fazit von Alexander Forstner geäußerte Meinung, dass anstelle von Zeitungen, Inhalt und Context vermarktet werden muss, kann ich mich somit nur zu 100 % anschließen [Q5].

  

Fazit und persönliches Conclusio

Subjektiv sehe ich die Chancen, die digitale Medien und das unersättliche Verlangen der BürgerInnen nach Informationen (was anderes ist das Internet nicht) bieten, als große Herausforderung für bestehende Journalismusstrukturen. Die vorgeschlagenen Konzepte der Gemeinnützigkeit sowie der Versuch, Kosten durch Nutzendarstellung auch langfristig erfolgreich zu bedienen, sind sicherlich ein Schritt in die richtige Richtung im Prozess der stattfindenden Vernetzung der Informationsquellen. Eine permanente Anpassung der Medienunternehmen ist aber - und da bin ich mit Christoph Pötscher [Q6] einer Meinung - auch zukünftig notwendig, wenn nicht sogar überlebensnotwendig.

"Die Gatekeeper-Funktion ist überholt - lang lebe die Collaboration in der digitalen Gesellschaft!"

 

Quellen

Q1   http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/daniel-drepper-zur-zeitungsdebatte-a-916429.html
Q2   http://www.tips.at/
Q3   http://www.journalist.at/archiv/2011-2/ausgabe-08092011/mehr-klarheit-und-ordnung-im-hause-styria/
Q4   http://www.spiegel.de/netzwelt/web/jeff-jarvis-journalisten-sind-dienstleister-keine-monopolisten-a-914915.html
Q5   http://collabor.idv.edu/webkommAF/stories/48768/
Q6   http://collabor.idv.edu/Poetschoblog/stories/48865/

4 comments :: Kommentieren

Zeitungskrise

christoph.poetscher.uni-linz, 28. Mai 2014, 20:14

Ich stimme dir voll und ganz zu, dass sich die Zeitungen immer wieder neu erfinden müssen um langfristig bestehen zu können. Dies haben die Verantwortlichen in den letzten Jahren bzw. Jahrzehnten verabsäum (dazu schreibe ich auch in meinem Statement).

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Zeitungskrise

christoph.poetscher.uni-linz, 28. Mai 2014, 20:15

Ich stimme dir voll und ganz zu, dass sich die Zeitungen immer wieder neu erfinden müssen um langfristig bestehen zu können. Dies haben die Verantwortlichen in den letzten Jahren bzw. Jahrzehnten verabsäum (dazu schreibe ich auch in meinem Statement).

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Ganz bei Dir...

stephan.hackl.uni-linz, 3. Juni 2014, 19:37

... mit der Meinung, dass digitalen Medien eine goldene Zukunft bevorsteht. Etwas hart finde ich die Aussage, dass das Internet nichts anderes sei, als die blose Gier nach Information. Ich glaube an das Web als Nutzenstiftendes Medium, das einfach neue Formen des Journalismus eröffnet, auch wenn die Qulität aus meiner Sicht kaum dem säuberlich recherchierten Beiträgen einer Zeitung nahekommt. Zumindest gestaltet sich die Suche danach erheblich schwieriger und zeitintensiver.

In meinem Blog habe ich die Aussagen von Armin Wolf, Michael Haller und Christian Lindner diskutiert. Es würde mich freuen wenn Du einen Kommentar hinterlässt mit deinen Gedanken.

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christa.leitner.uni-linz, 30. Juni 2014, 21:45

Das Internet mit Gier nach Information beschreiben finde ich nicht so treffend. Informationsflut ist meiner Meinung nach treffender. Wenn man sein eigenes Surfverhalten beobachtet wird man schnell merken wie viel Zeit man für die Suche nach Informationen aufwendet und am Ende des Tages trotzdem drauf kommt welche wesentlichen Beiträge man übersehen hat.

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