In einem philosophischen Gespräch (Q1) mit Norbert Bischofberger über sein aktuelles Buch "Die unendliche Liste" trifft Umberto Eco einige Aussagen, die auch für das Themengebiet der Webkommunikation interessant sind. Ich möchte hier einige seiner Aussagen anführen und kurz diese im Bereich der Webkommunikation kontextualisieren.



Bischofsberger thematisiert zu Beginn des Gesprächs Ecos aktuelles Buch "Die unendliche Liste", in dem er die Rolle von Listen und Aufzählungen in der (Literatur)geschichte untersucht. Darin nimmt er auch zum Phänomen Internet Stellung. Im Gespräch beschreibt Eco seine Sichtweise darauf folgendermaßen:

"Was nun ist das Internet? Man könnte meinen es sei eine praktische Liste denn es enthält alle Webseiten zu einem gewissen Thema. Aber es ist auch potentiell unendlich, d.h. wenn jemand die Millionen der Seiten anklickt wären die ersten bereits wieder verschwunden wenn er am Ende angelangt wäre. Theoretisch kann man also bis in alle Unendlichkeit im Internet surfen." (14:40)

Anhand dieser Aussage wird durch Ecos Listenmetapher die Unendlichkeit und folgliche Unübersichtlichkeit des Mediums Web deutlich: Die "online-Liste" hat keinen Anfang und kein Ende. Obwohl man mit einer quasi unendlichen, schwindelerregenden Fülle an Information konfrontiert wird, wird man als Mensch nie in der Lage sein, die komplette "Liste des Wissens" so wie sie in Form des Internets zugänglich ist, zu erfassen.

Eine passende, jedoch im Vergleich zu Eco mit eher positivem Subton versehene, philosophische Metapher wäre die des Rhizoms (Q1). Rhizome sind Wurzelgeflechte, bei denen nach einer gewissen Zeit kein Anfang und kein Ende mehr identifizierbar sind. Es wird von postmodernen bzw. poststrukturellen DenkerInnen als Modell für Wissensorganisation verwendet und hat in diesen Kreisen die Baum-Metapher mit ihrem hierarchischen Strukturen ersetzt.

Eine ableitbare Konsequenz für die Webkommunikation könnte dahingehend liegen, diesen von Eco und anderen Philosophen beschriebenen Wissensbegriff in Kontext des Web-Mediums zunächst schlichtweg zu akzeptieren und nicht zu versuchen, das Medium in andere Wissenskonzepte (wie bspw. die erwähnte Baummetapher) einzupassen. Dazu gehört einerseits, sich der netzwerkartigen und schwer nachvollziehbaren Organisation des Wissens einerseits bewusst zu werden und andererseits darin jene Chancen zu erkennen, wie sie z.B. im Bereich der nicht-hierachrischen Organisation des Wissens allgemein oder des interaktiven Lernens liegen könnten.


Im weiteren Gesprächsverlauf nimmt Baumberger Bezug auf die Wissenschaftliche Tätigkeit von Eco, deren Benefit v.a. darin liegt, dass er das Feld der Semiotik auf die zeitgenössische Kultur hin öffnet. In diesem Zusammenhang trifft Eco eine weitere interessante Aussage. Als Illustration dazu führt er zuvor aus, dass ein Semiotiker anhand von Symbolen wie bspw. Kleidungsstücken feststellen kann, welcher (in diesem Fall) Modeströmung eine Person angehört. Dazu zitiert er Barthes: "Wo andere nur Dinge sehen, sieht der Semiotiker den Sinn dahinter". Eco sagt:

"Die heutigen Jugendlichen bedienen sich ständig der Semiotik der Kultur aber vergessen, die grundlegenden Aspekte der Philosophie zu diskutieren." (34:27)

Diese Aussage lässt sich ebenfalls, wenn auch nur implizit, auf die Webkommunikation übertragen. Gerade die Unendlichkeit des Internets steckt ebenfalls voller semiotischer, kulturell assoziierter Symbole, die laut Eco aber unreflektiert angewandt werden. An dieser Stelle wäre ein Beispiel seinerseits interessant. Jedenfalls ist das erkenntnisphilosophische Problem, welches Eco in dieser Hinsicht bemerkt, interessant: Symbole werden zwar in der Webkommunikation übernommen, allerdings ist man sich der semiotischen "Konsequenzen", also der kulturellen Interpretation selbiger nicht bewusst.

In einer kommunikationswissenschaftlichen Sichtweise auf das Thema Webkommunikation könnte man in Anschluss an Eco hier eine ausgeprägtere Sensibilität in Bezug auf die Semiotik der Internetkommunikation an den Tag legen. Ist man sich über kulturelle Aspekte verwendeter Symbole bewusst, kann man WEbkommunikation, funktional betrachtet, treffender ausgestalten. Ein Beispiel dafür wäre ein von der von Bortun und Puracrea in diesem Paper kurz zusammengefasste "semiotic approach on marketing" (Q5), in dem sie, basiert auf Kuhn und Gonseth, auf die Wichtigkeit kultureller Aspekte in der Kommunikation für das Zielgruppen-Marketing aufmerksam machen. Das Thema hab ich auch kurz in einem anderen Blog-Beitrag bearbeitet (Q6).


Bezugnehmend auf die Frage, ob eine Ursprache existiert(e), erwähnt Eco "Mit Bestimmtheit lässt sich einzig sagen, dass alle Menschen das gleiche Apparätchen im Gehirn haben, das ihnen ermöglicht, Sprachen zu kreieren und zu verstehen. Und dass sie dieses Apparätchen ihrem siozialen Umfeld angepasst haben" (38:48)

In dieser Aussage wird aus meiner Sicht jener Aspekt deutlich, den Nicolas Carr in seinem Buch "Wer bin ich wenn ich online bin ... und was macht mein Gehirn solange?" (Q3, Q4) herausgearbeitet hat: Das Web - und damit auch die Webkommunikation - nehmen beträchtlichen Einfluss auf unser Gehirn und damit auch auf unser Denken. Es passt sich sozusagen den sozialen Gegebenheiten an. Und diese bestehen aktuell darin, sich der zunehmenden Kommunikation über das Web mit all seinen Eigenheiten anzupassen.



Q1: Sternstunde Philosophie: Umberto Eco. https://www.youtube.com/watch?v=nHwjZf_tRCE
Q2: Wikipedia: Rhizon (Philosohpe) http://de.wikipedia.org/wiki/Rhizom_(Philosophie)
Q3: Carr, Nicolas (2010): Wer bin ich wenn ich online bin ? und was macht mein Gehirn solange? Karl Blessing Verlag.
Q4: Leseprobe zu Q2 http://www.randomhouse.de/content/edition/excerpts/103167.pdf
Q5: Bortun und Puracrea (2013): Marketing and semiotic approach on communication. Consequences on knowledge of target-audiences. http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3632356/
Q6: Blog-Beitrag Markus Ellmer: Semiotik & Webkommunikation: Die Codes der Jugendlichen. https://collabor.idv.edu/blogme/stories/49003/





"Die heutigen Jugendlichen bedienen sich ständig der Semiotik der Kultur aber vergessen.."

Ich finde diese Aussage deshalb interessant, weil indirekt Umberto Eco die Aussage (für mich) widerlegt, in dem er darauf hinweist, dass Wissenschaftler immer alles hinterfragen sollen und nichts als gegeben annehmen dürfen. Wenn jetzt Jugendliche aber sich Symbolen und Sprachen bedienen, übernehmen sie meist ungefiltert die "Vorgaben" der Gruppe. Ist da die Objektivität noch gegeben bzw. gilt die Objektivität nicht für Jugendliche und nur für Wissenschaftler und wer ist Wissenschaftler? Mehr zu meiner Interpretation seiner Aussage unter http://collabor.idv.edu/BlogdesWaldviertlers/stories/48747/